Mitte Juni bin ich von Ljubljana nach Bayern geradelt. Hier berichte ich über meine Erlebnisse dabei. Dies ist der 3. und finale Teil meines Berichts. Den ersten Teil findest du hier.
Tag 6
Ich bin wieder ausgeruht und aufgeladen. Daran, jeden Morgen vor einem Frühstücksbuffet zu stehen, könnte ich mich auch gewöhnen.
Die anvisierte Fahrradwerkstatt befindet sich direkt auf der anderen Straßenseite. Dort darf ich tatsächlich auch einen Speichenschlüssel ausleihen, mit dem ich mein Klacken einigermaßen eingedämmt bekomme. Außerdem unterhalte ich mich sehr nett mit der Person, die mir einen und dann noch einen großen Cappuccino zubereitet. Es beginnt entspannt heute.

Was ich gestern an Kilometern angespart habe, das darf ich mir heute auszahlen. Rein streckentechnisch wird es heute ein wirklich kurzer Tag werden. Nur eine Verschnaufpause später und schon bin ich in Heiligenblut am Fuße vom Großglockner. Naja, ganz so schnell geht es nicht. Auf dem Weg mussten diverse Fotos von der Landschaft gemacht, ein beachtlicher Wasserfall betrachtet und noch ein wirklich unnötiger Anstieg überwunden werden, nur weil meine Routenplanung das dachte. Die zwanzig Meter Feldweg anstatt auf der Landstraße zu fahren,sind sind die 200 Höhenmeter wert. Das Fass der digitalen Routenplanung einer etablierten Outdoor-App mache ich jetzt lieber nicht auf. An der Stelle verstehe ich langsam keinen Spaß mehr.
Wie auch immer. In Heiligenblut komme ich an, als es gerade erst früher Nachmittag ist. Rein theoretisch könnte ich die Anfahrt auf den höchsten Punkt meiner Tour schon in Angriff nehmen. Einfach genug Kohlenhydrate hier am Supermarkt kaufen und mir Zeit lassen. Aber ich habe mir versprochen, dieses Mal vernünftiger vorzugehen.

Vor ein paar Jahren hatte ich einmal eine wirklich dramatische Erfahrung auf diesem Berg gemacht, die auch damit begonnen hatte, meine Kräfte falsch einzuschätzen. Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal.
Außerdem ist das Wetter heute nur so mittel schön und der gestrige krasse Tag liegt mir immer noch in den Knochen. Also nehme ich wieder eine Buchung vor.
Im Hotel eingecheckt, hadere ich mit meiner Entscheidung. Schon wieder im Hotel übernachten fühlt sich an wie Betrügen. Ich bin ja eigentlich beim Bikepacking, oder? Außerdem hab ich akutes Heimweh. Jetzt sitze ich hier in dieser Tourismusvorhölle und hab nicht wirklich was zu tun.
Diese Pause ist für mich nur sehr schwer auszuhalten, aber sie wird sich als genau richtig herrausstellen..
Ein Telefonat mit der Heimat hilft gegen das Heimweh. Dann gehe ich mich im Supermarkt eindecken und verbringe die restlichen Stunden auf der Terrasse eines Restaurants, auf der ich Podcasts höre, in mein Tagebuch schreibe, male und Leute beobachte. Dazu lasse ich mir Burger und gezapfte Biere reichen. Rein theoretisch könnte ich in meinem Hotel auch in die Sauna. Aber nach Schwitzen ist mir gerade nicht mehr.
So endet Tag sechs. Mit einem leichten Blues und der Hoffnung, dass es morgen wieder besser wird.

Tag 7 – Bergetappe.
Sobald ab 7.00 Uhr das Frühstücksbuffet öffnet, sitze ich schon im Trikot und mit gepackter Tasche unter dem Arm bereit. Den Tipp, früh zu starten, um dem Motorrad- und Autoverkehr zuvorzukommen, nehme ich mir zu Herzen. Was sich auszahlen wird.
Um 7:30 Uhr trete ich los. Ich habe meine Vorräte aufgefüllt. Mit meiner 30-Minuten-Strategie und Kopfhörern im Ohr starte ich meine Pedaliermeditation. Es ist sicher nicht falsch, eine gewisse Ehrfurcht vor einem Pass wie der Großglockner Hochalpenstraße zu haben. Ich habe jedenfalls durchaus Respekt vor den 23 Kilometern und den knappen 2000 Höhenmetern bis zur Edelweißspitze.
Die Bäume werden nach und nach lichter. Die Luft spürbar dünner und die Aussicht spektakulärer. Der Aufstieg ist krass anstrengend, aber auf eine Art voll machbar. Während ich in den ersten zwei Stunden noch sondiere und mich häufig umblicke, komme ich nach und nach in einen Tunnel. Die Welt um mich herum bekomme ich nur noch mit, wenn ich mich zum Durchatmen hinstelle und den Blick schweifen lasse.





Ich bin auch immer weniger alleine unterwegs. Die Motorradgruppen und Sportwagenfahrer haben mittlerweile auch ihr Frühstücksbuffet hinter sich gelassen.
Das Wasser wird irgendwann knapp. Beide Trinkflaschen und meine Trinkblase auf dem Rücken sind mittlerweile durch meinen Körper durchgelaufen. Als ich am Hochtor, dem ersten der beiden höchsten Punkte, ankomme, bin ich einigermaßen panisch. Aber auch beeindruckt. Von dem Panorama unter blauem Himmel einerseits, vor allem auch von mir selbst.
Eine weitere Stunde werde ich noch brauchen, um ganz oben auf der Edelweißspitze zu stehen. Mittlerweile geht es hier oben ganz schön zu. Rennräder, Autos, Motorräder und Busse. Einsam ist man hier oben wirklich nicht. Am Fuscherltor zögere ich einmal kurz. Ob ich wirklich bis ganz oben fahren muss? Ich könnte auch direkt hier meinen Gipfel feiern. Doch ich gebe mir einen letzten leichten Tritt und erdulde auch die letzten 30 Minuten Schinderei. Oben bereue ich es natürlich nicht.




Auf dem engen Parkplatz geht es zu wie samstags auf dem Weihnachtsmarkt. Alles drängt und drängelt. Alles ein Irrsinn hier. Ich bitte einen Mountainbiker, ob er ein Foto von mir machen kann. Macht er gerne. Wir kommen ins Gespräch und trinken gemeinsam ein Bier auf unseren Erfolg.
Auf zweieinhalbtausend Metern über dem Meer führe ich ein sehr nettes Gespräch. Mein Foto- und Gesprächspartner ist Österreicher und kommt vom Weißensee. Wir unterhalten uns über die Unterschiede unserer beider Länder und freuen uns heute an diesem schönen Tag, hier oben sitzen zu können.
Die gestrige Entscheidung, unten zu bleiben, erweist sich als goldrichtig. Es hat perfektes Wetter heute, und gut ausgeruht gestartet zu sein, zahlt heute dreifach auf mein Glückskonto ein. Voller Euphorie. Mache ich mich an die Abfahrt. Sagenhafte 20 km geht es bergab. Ich werde immer selbstbewusster und so erreiche ich eine Höchstgeschwindigkeit von 62 km/h. Mit Gepäck knallt das noch mal anders. Erleichterung, Stolz, blauer Himmel und eine lange Abfahrt. Das ist eine Treibstoffmischung nach meinem Geschmack.



In Bruch stoße ich auf dem Salzach-Radweg. Alles, was heute noch passiert, ist Bonuscontent, denke ich mir, und darum habe ich auch keine großen Ambitionen, besonders feste aufs Pedal zu drücken. Auch insgesamt betrachtet ist das allermeiste meiner Strecke geschafft. Der größte Anstieg, der noch übrig bleibt, ist der Pass Thurn, und auch den werde ich noch irgendwie bewältigen.
Der Nachmittag verläuft weiter als viele Nachmittage zuvor. Die Hitze kehrt zurück und macht das Treten schwieriger. Ich stolpere in einen Supermarkt und greife wahllos zu irgendwelchen Produkten. Als ich auf einem Schild einen Badesee entdecke, nehme ich das als willkommene Gelegenheit zur Pause. Als ich mich zum Trocknen in die Sonne setzte, merkte ich, wie müde ich bin. Ich freue mich schon auf mein Zuhause. Zeit, den Weg dorthin zu verkürzen. Ich fahre weiter.

Eine Stunde später bin ich in Mittersil. Hier gehe ich noch einmal eindecken. Die Klimaanlage ist ein Geschenk Gottes, und eigentlich will ich gar nicht richtig wieder da raus.
Die heiße Luft liegt wie ein Ölfilm auf der Oberfläche. Kein Lüftchen regt sich. Was auf meiner Reise in Dänemark im letzten Jahr der Wind war, ist in dieser Woche definitiv die Hitze. Ich kann nichts ausrichten. Ich kann nur weiter ertragen.
Aktuell befinde ich mich am Fuß des Jochbergs und weiß daher, es geht wieder steil nach oben. Auf dem Parkplatz vom Supermarkt stehenbleiben ist keine Option. Auch weil es hier nach Urin riecht. Fahre ich halt eben los.
Sehr steil, also schiebesteil, kämpfe ich mich hoch. Zwischendurch setze ich mich auf eine Bank und glotze nur dumm in die Luft. Ein paar hundert Meter weiter wiederhole ich das Ganze. Ich bin wirklich sehr müde. Die nächste Gelegenheit zum Unterschlüpfen wird aber sowas von genutzt.



Was sich wieder einmal als aussichtslos darstellt. Ich bin immer noch in Österreich und Österreich liebt Umzäunungen. Damit Leute, wie ich, sich nicht irgendwo einnisten können. Also ergebe ich mich meinem Schicksal und fahre bzw. schiebe ich weiter die alte Passstraße nach oben. Zum Glück ist hier kaum Verkehr. Die stark befahrene Hauptstraße höre ich ein paar hundert Meter von mir entfernt.
Die alte Passstraße zum Pass Thurn ist tatsächlich ein besonders schönes Stück. Steil zwar, aber auf alle Fälle malerisch. Die untergehende Sonne trägt natürlich nicht unwesentlich zur Romantik bei. Jedenfalls kann ich die Schönheit dieser Landschaft durchaus anerkennen,auch auch wenn ich einen Puls von 150 habe.
Irgendwann wird es weniger steil und auch die Sonne ist am Untergehen. Innerliches und äußerliches Aufatmen. Auf meiner App habe ich eine Schutzhütte eingezeichnet gesehen. Die möchte ich gerne auskundschaften.
Tatsächlich. Dieser Ort ist geeignet, um die letzte Nacht meiner Reise im Freien zu verbringen. Es gibt sogar eine Toilette in der Nähe. Ich bin sehr erleichtert darüber, dass dieser Tag abgehakt ist. Über zwölf Stunden war ich heute unterwegs. Außerdem bin ich über den höchsten Berg von Österreich gefahren. Das darf hier nicht vergessen werden. Auch wenn mir das schon ewig her vorkommt.
Ehe ich mein Nachtlager ausbreite, warte ich noch ab. Ich befinde mich am Ortsrand und nur wenige Meter von mir ist ein fleißig besuchter Spazierweg. Jogger und Hundebesitzer, auch ausgebüxte Kühe treiben sich noch herum.
Ich warte ab, bis es ruhig genug ist, ehe ich mich selbst zur Ruhe lege. Morgen mache ich den Sack zu.


Tag 8
Störungsfrei konnte ich die Nacht verbringen, was mich erleichtert. So richtig erlaubt war mein Schlafplatz im Zweifelsfall nicht, und auf ein nächtliches Diskutieren mit irgendeiner Autorität hätte ich wirklich keine Lust gehabt. An der Stelle will ich noch einmal betonen, dass ich immer großen Wert darauf lege, bei meinen Übernachtungen im Freien niemanden, weder Mensch noch Tier, zu stören. Am Ende sollte nichts darauf hindeuten, dass ich hier war. Versteht sich von selbst.

Mit den ersten Sonnenstrahlen fahre ich los. Ich will einerseits unentdeckt bleiben. Auf der anderen Seite weiß ich, dass jede Stunde vor der Mittagshitze auszunutzen ist. Heute soll es nochmal richtig heiß werden.
Mit müden Gliedern schiebe ich mich und meine Habe den Rest zum Pass Thurn nach oben. Eine schöne Abfahrt auf Schotterwegen durch Tiroler Wälder und Almen begrüßt mich in den Tag. An einem Café halte ich spontan an, weil es hier verdächtig nach gutem Frühstück aussieht. Ich werde nicht enttäuscht.




Weiter geht es durch Kitzbühel und St. Johann. Ich folge einfach den Pfeilen auf meinem Radcomputer. Ich habe das Display umgestellt. Es zeigt mir seit heute, wie viele Kilometer es noch bis zum Ziel sind. So lasse ich die übrigen Strecken schmelzen.
Ein Teil von mir hat ein schlechtes Gewissen der schönen Landschaft gegenüber. So prächtig hier alles ist: Mein vorrangiges Gefühl ist heute die Sehnsucht, nach Hause zu kommen. Ich bin genug Rad gefahren in den letzten 8 Tagen.
Ich lasse auch den Walchsee links liegen, auch wenn seine Badestelle wirklich einladend aussieht. Meine Mission heißt Ländergrenze und anschließend Bahnhof.
Mittags ist es dann soweit. Nach fünf Stunden erreiche ich den Bahnhof in Oberaudorf. Der Zug steht schon bereit zum Abfahren, als ich ankomme, doch die Zugbegleiterin gibt mir ein Zeichen, dass sie mich noch mitnehmen würde. Also sprinte ich die letzten Meter mit dem Rad auf der Schulter durch die Unterführung und springe dankbar in den Zug.
So endet meine Tour unerwartet abrupt. Es war gar keine Zeit für ein letztes Foto.




Heimkommen.
Im Zug formuliere ich ein paar spontane Gedanken für einen Instagram-Post. Diesen Gedanken kann ich auch heute, ein paar Wochen später, nicht mehr viel hinzufügen. Darum schließe ich meinen Reisebericht mit eben diesen Worten:
„… Es ist geschafft. Meine Alpenüberquerung von Süden nach Norden ist vorbei. >500km + > 10 000 hm! Ein paar spontane Gedanken dazu, während ich im Zug nach München sitze: In erster Linie bin ich dankbar. Dafür, wie gut alles gelaufen ist. Es war anstrengend as fuck, aber ich hatte den größten Teil der letzten Woche eine richtig gute Zeit.
Ich bin total erleichtert, wie gut ich über den Großglockner gekommen bin und auch über all die anderen Buckel, an denen mein Track nicht gespart hat.
Ich habe in der Woche vor allem gelernt, wie wichtig und hilfreich es ist, zur gegebenen Zeit auf die Bremse zu drücken, auf den Körper und “den Geist ” zu hören und auch auszuhalten, wenn es halt mal nicht so schnell voran geht.
Im Nachhinein hat es sich jedes Mal als großer Gewinn entpuppt.
Erst durch die Pausen und das Herausnehmen vom selbstgemachten Druck konnte ich meine sportliche Leistung richtig abrufen und das sogar genießen.
Außerdem habe ich meine Liebe zu den Alpen wiederentdeckt. Eine solche Naturpracht in der Nähe zu haben, ist wirklich ein Geschenk. Auch wenn ich wirklich kein begnadeter Bergfahrer bin. Ich hab krass viele schöne Bilder und Erinnerungen gemacht, über die ich mich noch länger freuen werde.
Happy bin ich auch mit der Auswahl meiner Ausrüstung gewesen. Ich habe kaum etwas vermisst und hab nur wenig umsonst eingepackt. Bis auf ein paar kleinere Zicken hat auch mein “Bruder Jakob II.” einen richtig guten Job gemacht. Dankbar bin ich auch für alle, die mein Abenteuer hier in den Storys mitverfolgt haben. Ich hab die Aktion natürlich nicht für Instagram gemacht. Jedoch: Alle eure Likes und Nachrichten sind dankbar zur Kenntnis genommen worden. Es wurden mir Schlafplätze angeboten, Tipps gegeben und oft Mut zugesprochen. Das machte etwas mit mir. Danke dafür. Ehrlich.
Ich freue mich schon darauf, einen ausführlichen Bericht für den Blog zu verfassen.
Liebe geht raus. Ich trinke jetzt ein Bier…“
