
Es ist so wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und zu wahren. Wer über seine eigenen Grenzen geht, wird auf Dauer krank und unglücklich. Es ist wirklich gut, dass es auch in der Breite der Gesellschaft immer mehr ankommt, dass Menschen verschieden sind. Nicht allen Menschen fällt alles gleich leicht. Jeder lebt sein Leben in seinem Tempo. Amen! All das weiß ich. All das finde ich gut. Klares Ja.
Auf der anderen Seite ist es so: Manchmal, wenn ich Worte wie „hochsensibel“ höre, gibt es einen kleinen Teil in mir, der sich denkt: Wirklich? Du bist hochsensibel? Bist du dir da sicher? Kann es nicht auch sein, dass du einfach überstimuliert bist? Weil 80 Prozent deiner täglichen Bildschirmzeit von 80 Stunden für TikTok draufgehen? Weiß ich jetzt nicht. Aber vielleicht bist du ja wirklich hochsensibel.
Ich finde es total gut, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass Leute neurodivergent sein können. Das ist total wichtig. Dass diese Menschen gesehen und auch ernst genommen werden. Ganz klar. Amen! Auf der anderen Seite: Wir können aber auch nicht alle neurodivergent sein. Individuell, ja. Neurodivergent, nur vielleicht. Wir sind nicht alle hochsensibel oder introvertiert.
Wenn mir ein Streit mit einem Kollegen nahegeht und mich auch noch nächste Woche beschäftigt, heißt das nicht unbedingt, dass ich deswegen hochsensibel bin. Auch hat jeder von uns Anteile in sich, die eher introvertiert sind, und Anteile, die eher extrovertiert sind. Es gibt Tage, da will ich mit mir alleine sein, und Tage, da will ich vor lauter Herdenwärme nicht nach Hause gehen, weil es gerade so schön zusammen ist. Manchmal tendiere ich eher zur einen und manchmal eher zur anderen Seite. Niemand ist ausschließlich introvertiert, und darum sollte niemand sein Introvertiert Sein als Ausrede benutzen.
Wenn ich jedes Mal, wenn mich jemand anruft, ganz tief in mich hineinhöre, dann werde ich auch Anteile in mir finden, die mir sagen: Das Gespräch könnte mich auch anstrengen. Ich sollte auf meine Grenzen achten. Es ist gut, dass ich darauf achte, dass ich nicht über meine Grenzen gehe. Selfcare ist mein dritter Vorname (mein zweiter Vorname ist übrigens Wolfgang – falls ihr euch das gefragt habt). Aber ich darf dabei nicht vergessen, dass Dinge auch unbequem sein dürfen. Sonst etwickeln wir uns nicht weiter.
Wenn jeder, der Menschen, die meine Frau und ich zu unserer Hochzeit eingeladen haben, abgesagt hätte, der introvertierte Anteile in sich hat, dann wären zu unserer Hochzeit meine Frau und ich erschienen. Und streng genommen wir selbst auch nicht. Zum Glück haben sich die meisten gefreut und verstanden, dass es nicht selbstverständlich ist, zu den Freunden zu gehören, die eingeladen werden. Deshalb war meine Hochzeit das schönste Fest meines Lebens.

Zuhausebleiben ist wundervoll. Wenn ich auf dem Sofa liege und vor mir meine Serie läuft, in der Hand mein Handy, und ich mir denke: Meine FOMO kann mich mal. Dann freue ich mich über meine Me-Time. Amen! Gleichzeitig vergesse ich am vierten Abend in Folge, an dem ich auf dem Sofa liege, dass der Preis, zu Hause zu bleiben und nicht auf andere Menschen zu treffen, jedes Mal auch bedeutet, ein bisschen weniger verbunden zu sein.
Wenn ich nicht aufpasse, weil ich so sehr auf meine Grenzen achte, werden meine Grenzen nämlich zu Mauern. Dann wird meine „me time„ irgendwann zur „alone time“ und meine „alone time“ zur „Warum fühl ich mich so scheiße time?“
Ich mache das Thema noch etwas größer: Ich darf mich nicht beschweren, dass die Gesellschaft sich mehr und mehr entfremdet und darüber, dass das Einsamkeit zur Volkskrankheit wird, wenn ich es gleichzeitig selbst nicht schaffe, ab und zu meine Freunde anzurufen, um uns zum Schwimmen oder auf ein Bier zu treffen. Und das, weil ich ein wenig müde bin.
So wichtig es ist, auf seine Grenzen zu achten, so wichtig ist es auch, zu wissen, wann es gut ist, diese auch mal zu überschreiten. Wenn ich nur den Verabredungen zusage, auf die ich zu hundert Prozent Lust habe. Dann werde ich sehr oft auf dem Sofa sitzen und alleine sein. Dann werde ich auf Instagram sehen, was ich alles verpasse, und aus einem Gefühl der Leere Sachen bestellen, die ich nicht brauche. Den Kapitalismus freut es immer, wenn ich alleine bin.
Wenn ich allerdings mit Freunden zusammensitze – sei es auf dem Fahrrad, auf dem Balkon oder am Tresen –, habe ich noch nie währenddessen Dinge in einen Warenkorb hinzugefügt.
Ich möchte einen Vertrag mit mir schließen. Einen Vertrag für Kontakt. Für echten Kontakt. Ich will, so oft es geht, mich für Treffen mit anderen Menschen entscheiden. Weil ich keine Lust habe, dass mich dieses Jahr wieder die Winterdepression einholt und ich einsehen muss, dass ich ihr sogar noch einen Vorsprung gegeben habe.
Manche Menschen sind introvertiert. Ich bin es manchmal auch. Manchmal bin ich aber auch einfach zu faul. Ich will in Zukunft so ehrlich zu mir sein und beides nicht durcheinanderbringen.
Dieser Text inst inspieriert von dem Wundervollen und schlauen Podcast “Feuer & Brot. Shout out!
Hier geht es zur entsprechenden Folge.
