Zahnseide für 467 Jahre

Sind heute Leute unser euch, die sparsam leben? So wie ich? Ich bin richtig sparsam. Ich liebe das. Sparsam sein. Da fühle ich mich richtig gut. Ein einfaches Leben ist es, was mich glücklich macht. Auch in so kleinen Entscheidungen.

Ein häufiger Streitpunkt zwischen meiner Frau und mir ist der Grad der Finsternis, der in einer Wohnung noch vertretbar ist. Während ich mit großer Freude an eingesparten Watt durch die Wohnung gehe und alle nicht dringend benötigten Lichter ausschalte, verdreht meine Frau die Augen.

Das kann ich aber gar nicht sehen, weil es zu dunkel ist, um Ihr Gesicht zu erkennen. Ich liebe die Finsternis, weil sie mir das ganz erfahrbare Gefühl gibt, sparsam zu sein. Ich fühle mich dann wie ein Asket. Wie ein in selbstgewählter Armut lebender Mönch. In der Dunkelheit bin ich dann ganz bei mir und meinen bescheidenen Gedanken.

Aber auch an anderen Stellen bin ich sparsam.

Wassergläser und Kaffeetassen benutze ich zum Beispiel richtig häufig. Ich will die Spülmaschine schonen. Wasser, Strom. Das kostet alles Geld. Wenn ich meine Kaffeetasse mehrmals benutze dann fühle ich mich jedes Mal wie ein Naturbursche. Jemand, der wirklich nicht viel braucht. Ich glaube, ich könnte sehr gut in einer Hütte im Wald leben. Ganz ohne Strom und Wasserhahn.

Mit der Zeit werden die Innenränder meiner Tasse auch immer dicker. Dann passt  auch weniger Kaffee rein. Wodurch ich dann noch sparsamer bin.

Ich will auch unbedingt Müll vermeiden. Müll ist ein Riesenproblem! Fast Fashion? Bah! Ohne mich. Ich mache sogar Taschen aus vor dem Müll gerettetem Material. Nicht weil ich glaube, dass ich ein besserer Mensch bin, sondern weil ich gar nicht anders kann. Die Sparsamkeit ist so sehr ein Teil von mir. Sie ist schon fast meine Identität.

Auf meinem schlichten Grabstein wird einmal stehen: Hier ruht Jobinski. Der Sparsame.

Ich liebe es, sparsam zu sein. Ich bin so sparsam, das gibt es nicht. So, Milchtüte aufschneiden und die letzten Tropfen auch ins Müsli tröpfeln, sparsam. So Zahnpastatube zuerst mit aller Gewalt auspressen, später dann aufschneiden und ausschaben, sparsam.

Meine Sparsamkeit gipfelt in der Art und Weise, wie ich Zahnseide benutze. Ich benutze Zahnseide regelmäßig (weil das wichtig ist) aber auch sehr sparsam. Immerhin ist Zahnseide ein Einwegprodukt, das nach Benutzung im Restmüll landet…

… 50 Meter Zahnseide kosten 80 Cent. Ich will da nicht zu verschwenderisch sein. Ich habe in den letzten 4 Jahren vielleicht 30 Meter verbraucht. Bei dem Wissen um den dadurch vermiedenen Müll fühle ich mich direkt eins mit der Natur. Dann sind die Grenzen zwischen mir und dem Regenwald fließend. Wo hört Jobinski auf und wo fängt die Natur an?

Ich bin wirklich sehr sparsam… Einerseits

… Andererseits bin ich dafür, dass ich so sparsam bin. Erstaunlich oft dramatisch pleite. Es kann schon sein, dass meine Sparsamkeit immer dann am stärksten ist, wenn ich davor Entscheidungen gefällt habe, die nicht ganz zu meiner asketischen Grundeinstellung passen.

Ich habe zum Beispiel gar kein Problem damit, zwei Tage nacheinander Essen nach Hause zu bestellen. Das kostet auch Geld, stimmt. Auch über die dreifache Verpackung in Einweg-Plastik kann ich richtig gut hinwegsehen. So wie über den unterbezahlten Lieferanten mit einem 20 Jahre alten Citroën mit gelber Umweltplakette. Aber hey! Ich habe mein Wasserglas schon dreimal wiederverwendet! Hier sind 5 Euro Trinkgeld. 5 Euro sind mindestens 340 Meter Zahnseide.

ZUrück zum Thema Dunkelheit.

Vorletztes Jahr habe ich mir eine gute Akkufahrradlampe für 300 Euro gekauft. Die „Monteer Zeus 6500S“. Beim Kauf habe ich 50 Euro “gespart”, weil eigentlich kostet die Lampe ja 350 Euro. Die ist richtig hell und verbraucht auch einigermaßen viel Strom. Seit dem Kauf habe ich die Lampe vielleicht drei- oder viermal gebraucht. Ich denke aber, die Sparsamkeit rechnet sich über die nächsten Jahre.

Ich sehe Reifen für mein Gravelbike in genau der Farbe wie der Rahmen. Natürlich muss ich die bestellen. Immerhin fahre ich ja Rad und kein Auto. Und das ist ja eh viel billiger. Okay. Ich habe 4 Fahrräder, stimmt. Aber trotzdem. Ein Reifen kostet 90 Euro. Das sind Zahnseiden für 479 Jahre.

Neulich habe ich mir ein T-Shirt gekauft. Made in Germany. Top Qualität. Sparsam wie ich bin, habe ich natürlich 10 Prozent beim Einkauf “gespart” und dank Newsletter Abo „nur“ 90 Euro bezahlt. Das T-Shirt ist wirklich angenehm zu tragen. Es ist wirklich jeden Euro wert.

Damit das T-Shirt möglichst lange hält, trage ich es möglichst sparsam. Also wirklich sehr selten. Am liebsten würde ich über dem Shirt eine Art Schutzfolie tragen, eine, die man nach jedem Tragen in den Müll schmeißt.

Vielleicht gibt es ja einen Mittelweg: Zahnseide nur zentimeterweise benutzen und T-Shirts für 90 Euro kaufen. Ich bin da noch am Ausbalancieren.

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