Carpe deinen Diem

… aber back auch mal was.

Carpe Diem! – Pflücke den Tag! – Horaz 65 bis 8 v. Chr

Zum ersten Mal in meinem Leben beunruhigt mich mein Alter. Das war nicht immer so.  Jahrelang hab ich bei meinem Alter gedacht: So alt wie ich jetzt bin, ist es perfekt. Weil so vieles mit den Jahren auch immer einfacher geworden ist. Ich weiß zum Beispiel immer besser, wer ich bin oder auch wer ich nicht sein will. Beim Gedanken an mein Alter habe ich anders als heute nicht dieses Ziehen in der Brust empfunden.

Irgendwann in absehbarer Zeit werde ich 40 und das finde ich unerhört. Ich war doch neulich erst Anfang zwanzig. Ich hab doch kürzlich erst aufgehört, zu studieren. Ich finde das unerhört, weil ich zum ersten Mal in meinem knapp 40-jährigen Leben ahne, dass dieses Leben irgendwann vorbei sein wird. Diese Erkenntnis trifft mich manchmal wie ein unerwarteter Schlag in die Milz.

Gerade jetzt, wo ich nach all den Jahren Rumgeeier und Herumprobiere das Gefühl habe, angekommen zu sein. Gerade jetzt, wo ich das Leben als so schön empfinde, kommt der Tod mit seiner Endgültigkeit um die Ecke. Der Tod ist eine Frechheit!

Der Gedanke an den Tod macht mich fertig. Die meiste Zeit versuche ich, ihn beiseitezuschieben. Zu furchteinflößend und zu endgültig ist der Gedanke für mich. Doch trotz aufwendigen Verdrängens komme ich zu der Erkenntnis: Jobinski, deine Zeit ist begrenzt.

Und wenn meine Zeit tatsächlich begrenzt ist, folgt daraufhin gleich die nächste Erkenntnis. Nämlich: Jobinki, du verschwendest deine Zeit.

Der Gedanke daran, meine wertvolle Zeit zu verschwenden, trifft mich härter, als irgendwann einmal tot zu sein. Auf keinen Fall will ich eines Tages zurückblicken und sagen: “Mist, ich habe zu viel meiner Lebenszeit an Bildschirmen verbracht. Oder “Ich habe viel zu wenig Zeit mit meinen Lieblingsmenschen verbracht.” oder “Hätte ich doch viel früher angefangen, das zu machen, was mir Freude bringt”.

Auf keinen Fall will ich meine Zeit verschwenden. Ich will viel lieber alles aus meiner Zeit herausholen. Am besten ohne Pause. Ohne innezuhalten. Dem Tod und seiner Endlichkeit schenk ich nichts.

Darum fülle ich meine Tage von früh bis spät mit sinnvollen Dingen. Ich hab einen Job, der mein Leben mit Sinn erfüllt. Das ist ein guter Anfang. Auch meine Freizeit darf nicht verschwendet werden. Nach der Arbeit geh ich in meine Werkstatt, um Dinge zu reparieren oder um Taschen zu nähen. Ich organisiere eine Lesebühne, weil ich es wichtig finde, mich auszudrücken und dass Menschen Dinge zusammen erleben. Am Wochenende fahre ich mit dem Fahrrad durch die Landschaften, weil ich Ausgleich brauche und die Natur sich auch nicht von allein genießt. Zum Runterkommen schau ich Filme und Serien, am besten welche mit Anspruch. Regelmäßig gehe ich auf Konzerte, weil dort der Moment so zählt. Ich carp auf alle Fälle sowas von den diem.

Jetzt stehe ich vor einem Problem. Ich hab immer noch dieses Ziehen in der Brust, wenn ich an mein Alter denke.

In den letzten Jahren habe ich meine Zeit so sehr ausgefüllt mit sinnvollen und freudvollen Dingen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie voll es alles war. Ich hab die Tage gepflückt wie Äpfel vom Baum. Mein Korb ist voller Tage. Und trotzdem pflücke ich weiter. 

Bei all dem “Diem Carpen” verfliegen die Tage, Wochen und Jahre.   Was nutzt mir der gut genutzte Tag, wenn ich mich nicht an ihn erinnere, weil ich schon längst den nächsten nutze? Ist das hier noch genutzter Tag oder schon Selbstausbeutung?

Vor lauter Carpen des Diems habe ich das Innehalten vergessen. Ich hab vergessen, wie wichtig es ist, sich manchmal neben sich selbst zu stellen, um zu sich selbst zu sagen: Schau, was für ein guter Moment das war. Mach mal eine Erinnerung daraus.

Ich habe Angst vor dem Tod, Angst vor dem Gedanken, am Ende meines Lebens sagen zu müssen, ich hätte meine Zeit verschwendet. Aber vielleicht ist Leben nicht nur das Nutzen von Momenten. Vielleicht sind es auch die scheinbar ungenutzten Tage. Die Tage, an denen ich mich nicht weiter gemikromanaged, meine Freizeit optimiert und nicht noch ein Projekt für meine Selbstverwirklichung angefangen habe.

Zum ersten Mal in meinem Leben beunruhigt mich mein Alter. Nicht, weil ich es nicht verstanden habe, meine Tage zu pflücken.

Vielmehr, weil ich erst jetzt verstanden habe, dass man Gepflücktes auch essen kann und ich mit dem Weiterpflücken auch kurz warten kann.

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