Back Home – Bikepacking über die Alpen Teil 1/3

Ich bin Mitte Juni von Ljubljana nach Bayern geradelt. Im Bikepackingmodus durch Slowenien, Italien und Österreich. Hier berichte ich über meine Erlebnisse dabei.

Tag 1Freitag

Endlich wieder Fahrradurlaub! Wie meistens vor einer großen Tour bin ich nervös. Wird alles gut gehen? Hab ich die richtige Ausrüstung eingepackt? Ist mein Körper in der richtigen Verfassung?

Die vergangene Woche war ziemlich voll, und so schiebe ich mein gepacktes Fahrrad unausgeschlafen aus der Wohnung, um mich auf den Weg zum Zug zu machen.

Was habe ich eigentlich vor? Mit dem Zug geht es nach Ljubljana in Slowenien. Von dort habe ich mir eine Route geplant, die mich zurück nach Hause bringen soll. Es geht dabei über den Bleder See, den Triglav-Nationalpark, das Soča-Tal, die Julischen Alpen in Italien, über das Drautal in Österreich, über die Großglockner-Hochalpenstraße und den Pass Thurn durch Tirol ins Oberland. Ich habe eine Woche Zeit für die über 600 Kilometer und die mitgelieferten Höhenmeter.

Die Anreise funktioniert zum Glück reibungslos. Nach etwa sechs Stunden steige ich am späten Nachmittag aus dem Zug. Ein wenig auf Vorrat zu schlafen, hat leider nicht geklappt. Dafür habe ich mein Buch fertig gelesen, das ich jetzt absichtlich liegenlassen kann. In Ljubljana ist es mindestens zehn Grad wärmer und vom Dauerregen in München ist hier nichts zu spüren. Die schöne Stadt empfängt mich mit blauem Himmel. Hungrig trete ich in die Altstadt. Freitags ist Streetfood-Markt, das kommt mir entgegen. Mit leerem Magen will ich nicht starten.

Ein Teil von mir würde gerne noch ein wenig durch die schöne Altstadt stromern. Gleichzeitig bin ich schnell von der Menge an Menschen überfordert und ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Also Radcomputer an, rauf auf den Sattel und raus aus der Stadt. Die Sitzbank, die ich ansteuere, um dort meine Alltagskleidung auszuziehen und meine Radkleidung anzuziehen, entpuppt sich als doch nicht so abseitig, wie zuerst angenommen. Ausgerechnet als ich in meine Radhose schlüpfe, schlendert eine Gruppe Menschen vorbei, deren fröhliches Plaudern verstummt, als sie an mir vorbeikommt. Unangenehm.

Nach dieser Begegnung sehe ich zu, dass ich Land gewinne.

Ich habe den slowenischen Teil meiner Route vom bekannten Westloop übernommen. Eine nicht unbekannte Bikepacking-Route von bikepacking.com. Konkret bedeutet das: Es geht ab Kilometer eins auf Schotterwegen voran. Das ist einerseits natürlich super. Auf den Berufsverkehr in der Nachmittagshitze kann ich gut verzichten. Andererseits spart der Track auch nicht an fahrtechnischem Anspruch. Nach kurzer Zeit bin ich durchgeschüttelt und schon ziemlich aus der Puste. Was für ein knackiger Start.

Insgeheim habe ich mir vorgenommen, am ersten Tag entspannt 2–4 Stunden etwa 40 Kilometer zu fahren. Das erschien mir als Auftakt ganz angemessen. Als ich mich beim wiederholten Tragen über Wurzeltrails wiederfinde, steht schnell fest, dass aus diesem Vorhaben nichts werden wird. Nicht auf diesen Wegen. Der Westloop ist ein außerordentlich gut gescouteter Track, keine Frage. Wobei ein Mountainbike mit sehr leichtem Gepäck hier sicherlich geeigneter wäre. Ich fühle mich mit der Menge an Gepäckstücken schnell fehl am Platz. Zu viele steile Anstiege und zu sehr verwilderte Wege. Ich komme nur sehr langsam voran. So wird aus meinem Vorhaben leider nichts.

An einer malerischen Aussicht passe ich meine Route an. Statt den nächsten Buckel auch auf Singeltrails in Angriff zu nehmen, wähle ich den Weg um den Berg herum.

Es ist mittlerweile Abend und mein Bauch ist wieder bereit für Essen. Das merke ich, da die Hitze nachgelassen hat. An einer edel anmutenden Pizzeria überwinde ich meine Scheu, mit verschwitztem Kopf, zwischen die zum Essen gehenden, fein angezogenen anderen Gäste zu treten. Belohnt wird mein Mut mit einer großen Pizza.

Ich bin viel länger unterwegs, als ich es am ersten Tag sein wollte ohne dabei weiter gekommen zu sein als erhofft. Dunkel wird es auch schon. Ich brauche bald einen Platz zum übernachten. Ich bin allein von der vergangenen Woche sehr müde. Beim Blick auf die Karte kommt mir eine Idee wo ich einen geeigneten Platz finden könnte. Also fahre ich in die Dunkelheit meinem Lichtkegel hinterher.

Um 23.00 Uhr erreiche ich endlich meinen Platz. Bei Kranj (Krainburg) gibt es einen Stellplatz für Camper bei einem Bauernhof. Vor zwei Jahren war ich hier mit meiner Frau. Daher wusste ich, wie es dort aussieht. Am Unterstand finde ich sogar eine Steckdose und an der Toilette ein dringend benötigtes Waschbecken. Ich benötige eine unanständig große Menge Papierhandtücher, um mich von der Staub- und Salzschicht auf meiner Haut zu befreien. Willkommen im Bikepacking-Urlaub, wie ich ihn mag. Hundert Meter von mir feiert grölend eine Gruppe junger Männer an einem Lagerfeuer. Das ist vielleicht ganz gut, denn so fällt mein heimliches Strom- und Schlafplatz-Mopsen nicht weiter auf. Ich schlafe schnell auf meiner Isomatte hinter dem Toilettenhaus ein.

Tag 2.

Um nicht in Erklärungsnot zu kommen. Packe ich meine Sachen zusammen, sobald mich die ersten Sonnenstrahlen wecken? Schnell ein paar Meter machen. Nach der ersten Nacht im Freien fühle ich mich schon richtig angekommen im Abenteuer. Die Landschaft um mich ist traumhaft verschlafen. Auch wenn ich nicht auf meiner ursprünglichen Route unterwegs bin. Hier bin ich gerne unterwegs.

Einen Supermarkt erreiche ich 15 Minuten vor seiner Öffnung. Das passt perfekt. Es gibt eine staubige Sitzgruppe und einen Kaffeeautomaten. Zum Frühstück erbeute ich eine wilde Mischung aus Weißbrot, Pastete aus der Tube, Scheibenkäse und Multivitaminsaft. Dazu viel Automatenkaffe.

Schon jetzt erahne ich, wie warm es heute werden wird. Penibel sorgfältig creme ich mich ein und weiß jetzt schon, dass meine Sonnencreme nicht ausreichend sein wird für die kommende Woche. Außerdem sollte ich mich nach einer Tube Kettenwachs umsehen. Als ich gestern vor dem Schlafen noch meine Kette pflegen wollte, gab es statt einer gewachsten Kette eine große Sauerei, als der Deckel von der Tube beim Zusammendrücken weg geplatzt ist.

Um morgen früh direkt am Fuß vom Vršič-Pass – dem ersten größeren Pass meiner Reise – starten zu können, war mein Plan, heute bis zum Jasna-See zu fahren. Am besten in zwei Etappen mit einer langen Mittagspause während der größten Hitze am Nachmittag. Vielleicht klappt es ja auch mit seinem Nickerchen am Bleder See, wenn alles gut geht. So müde, wie ich heute in den Tag starte, sind sind das keine guten Bedingungen für Heldentaten.

Soweit mein Vorhaben. Meine Route führt mich wieder auf dem Track vom Westloob. Zum Glück ist es hier weniger anspruchsvoll. Durch die nach wie vor zauberhafte Natur führt es mich immer wieder durch kleine Orte, und ich erinnere mich wieder, warum ich unbedingt mal zum Bikepacking nach Slowenien fahren wollte. Es ist einfach malerisch hier. Links und rechts Wälder und Hügellandschaften, vor mir bauen sich nach und nach die Alpen auf.

Das mit der Pause am Bleder See wurde leider nichts. Wegen eines Ruderwettkampfs ist Baden verboten und der Zugang zum Wasser größtenteils abgesperrt. Schade. Aber ehrlich gesagt ist mir hier ohnehin zu viel los. Dort, wo es schön ist, sind eben häufig auch andere Touristen. Also beschließe ich, weiterzufahren, um auf dem Weg nach einer schattigen Gelegenheit für meine Mittagspause zu suchen.

Nach 35 Kilometern finde ich wieder einen Supermarkt. Das ist gut, denn ich bin schon wieder diffus hungrig und meine Snacks gehen zur Neige. Als ich im Supermarkt stehe, bin ich jedoch überfordert von der Klimaanlage und dem Angebot. Vollkommen planlos irre ich mehrmals durch dieselben Gänge und kann mich nicht entscheiden. Es ist außerdem viel zu heiß da draußen, um richtig Lust auf Essen zu bekommen. Auch die Auswahl der richtigen Sonnencreme dauert viele Minuten.

Als ich wieder an meinem Rad stehe, verdrücke ich ein eingeschweißtes Sandwich und creme meine Arme, Beine und das Gesicht sehr dick ein. Es gab keine kleinere Packung Sonnencreme, darum gibt es keinen Grund zur Sparsamkeit. Ich werde am Ende der Woche sehr viele Stunden in der Sonne verbracht und trotzdem keinen Sonnenbrand bekommen haben. Aus dem einfachen Grund, weil ich das zusätzliche Gewicht von 200 ml möglichst schnell verringern wollte. Ein Trick, den ich mir merken sollte.

Nach weiteren 5 Kilometern verlasse ich die stark befahrene Hauptstraße und biege ab in das Radovna-Tal im Triglav-Nationalpark. Hier finde ich auch meinen lang ersehnten Platz zum Ausruhen. Am kühlen Flussufer hat es sicher 10 Grad weniger und ich tauche samt Kleidung in das eiskalte Wasser. Anschließend lasse ich diese in der Sonne trocknen und lege mich auf meine Isomatte. Tatsächlich übermannt mich der Schlaf. Nach einer Stunde wache ich wieder auf. Nach einem großen Becher aufgelösten Kaffees fühle ich mich einigermaßen bereit für den restlichen Nachmittag.

Weiter geht es durch den Nationalpark, der auch im weiteren Verlauf nicht langweilig zu betrachten sein wird. Ich bleibe dabei: Es ist wunderschön in Slowenien. Kühler wird es allerdings auch nicht. Mit Temperaturen über 30 Grad ist meine Abkühlung im Wasser schnell vergessen.

Als ich nach zwei Stunden Naturglotzen und Pedaledrehen an einem Gasthaus vorbeikomme, zwinge ich mich regelrecht zum Anhalten. Ich muss wirklich etwas essen. Ich merke, wie mein Körper dringend Nachschub braucht. Eine Tafel gibt den Hinweis, dass der Service hier länger dauern kann, weil alles auch frisch zubereitet wird. Es stimmt, was auf der Tafel steht, und das ist gut. Während der Wartezeit entdecke ich meinen Appetit wieder und bestelle gleich zwei Hauptgerichte.


Ob das eine gute Idee war, weiß ich nicht. Jedenfalls ist das Thema „Mahlzeit“ für die nächsten Stunden erstmals vom Tisch. Weiter aufs Fahrrad. Über einen Buckel mit einer Steigung von 16 % und dreihundert Höhenmetern muss ich schieben. Nicht zum ersten Mal auf dieser Tour und auch nicht zum letzten Mal. Dafür brause ich kurz darauf mit über 40 km/h.


Die nächsten 15 Kilometer geht es nur sanft bergauf. Auf feinstem breit ausgebautem Radweg auf einer vermutlich ehemaligen Bahnstrecke fahre ich durch schattigen Wald. Endlich komme ich zumindest gefühlt mal etwas voran, denke ich mir. Es darf auch mal ein klassischer Radweg sein. Nach undefinierten Stunden in der Hitze komme ich wieder in bewohntes Gebiet. An einer Tankstelle fülle ich meinen Haribo Vorrat und meine Wasserflaschen auf. Bald hab ich es für heute geschafft.

Gegen 18:00 Uhr komme ich in Kronau an. Ich schiebe mein Rad durch eine volle Innenstadt und hab mal wieder einen Sozialschock. In den letzten Stunden bin ich vielleicht 10 Menschen begegnet. Hier in der Fußgängerzone ist plötzlich kein Durchkommen. Es ist Samstagabend im Juni, der Bergtourismus boomt natürlich.

In einem Sportgeschäft finde ich tatsächlich ein Fläschchen Kettenwachs. Ich kann die Beschriftung nicht lesen und hoffe einfach, keinen Quatsch gekauft zu haben.

Die Temperatur lässt langsam nach. Wie so oft kehren langsam die Kräfte zurück. Ich grüble vor mich hin. Ich habe keinen Schlafplatz und ich könnte daher auch einfach weiterziehen. Den Vršič-Pass zumindest schon mal ein bisschen anfahren. Doch ich reiße mich zusammen. Im Nationalpark ist Biwakieren wirklich nicht cool und ich habe aus meinen Erfahrungen gelernt. Mit einemlangen Tag Fahrrad in den Beinen werden keine Pässe bezwungen. Die Vernunft hat gesprochen. Also schiebe ich mich und mein Rad an den Ortsrand von Jasna und verstecke mich dort zum Übernachten im Wald.

Dass es heute Nacht regnet, ist unwahrscheinlich, darum liege einfach zwischen den Bäumen. Blöderweise bin ich zu unvorsichtig, was den Untergrund angeht, und so sticht ein Stock ein dickes Loch in meine Isomatte. Zum Glück habe ich das Reparaturset nicht zu Hausegelassen. Laut Anleitung braucht der Kleber allerdings mehrere Stunden, um seine „Endfestigkeit“ zu erreichen. Was immer das bedeutet. Ich will nicht riskieren, dass mein sorgfältig verklebtes Loch wieder aufreißt, und darum schlafe ich diese Nacht auf der Matratze, ohne sie auszupumpen. Zum Glück ist der Waldboden weich, und wenn ich mich nicht bewege, gibt es auch eine Position, die recht angenehm ist.

Tag 3:

Ich schlafe wahnsinnig lang. Laut meiner Uhr fast zehn Stunden. Was für ein Luxus. Es ist wunderbar, im Sommer unter einem Blätterdach aufzuwachen. Ich fühle mich richtig ausgeruht.

Ich packe meine Sachen zusammen. Schlüpfe in die Radhose und rolle zurück in den Ortskern. Als ich dort ein großes Frühstück bestelle, ahnt niemand, dass ich ein paar hundert Meter von hier im Wald übernachtet habe und erst vor 20 Minuten aufgewacht bin. Spätestens ab jetzt fühle ich mich endgültig im Urlaubsmodus. Frühstück bestellen. Das mache ich nur im Urlaub.

Es gibt keinen Grund zur Eile. Ich schreibe ein bisschen in mein Reisetagebuch und mache sogar eine kleine Skizze von der Landschaft.

Gegen kurz vor 10:00 Uhr greife ich den Vršič-Pass an. Den ersten großen Zacken im Höhenprofil. 850 Höhenmeter auf 10 Kilometer. Ich teile mir meine Kräfte ein. Schön langsam trete ich los. Alle 30 Minuten mache ich einen kurzen Stopp. Essen, pinkeln oder mal hinsetzen – wo es nötig ist, schiebe ich die steilsten Passagen.

Von den Rennradfahrern auf ihren leichten Carbonbikes oder den E-Mountainbikes, die mich überholen, lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Richtig anstrengend dagegen sind die zahllosen Motorräder, die mich zum Teil superknapp überholen und nicht selten Vollgas geben, sobald sie an mir vorbeisind. Um diese zumindest ein wenig auszublenden, fahre ich mit Musik auf den Ohren.

Nach zweieinhalb Stunden bin ich oben. Ich bin sehr stolz auf mich und vor lauter Euphorie kaufe ich überteuerte Souvenirs am Kiosk. Hier oben sind alle beeindruckt von der Landschaft. Egal, wie sie hier hochgekommen sind. Zufrieden blicke ich auf das Panorama vor mir. So geht es also. Dieses Bikepacking über die Berge. Gefällt mir bisher sehr gut.

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