Ich habe eine Seite an mir entdeckt, die ich gar nicht mag. Eine Verhaltensweise, die mir selbst unsympathisch ist. Es ist diese missgünstige Obsession mit bestimmten Rennradinfluencern. Vielleicht kennst du das auch? Man verfolgt das Tun einer Person, obwohl man eigentlich blöd findet, was sie macht.

Es gibt in der Fahrrad-Ecke des Internets ja die unterschiedlichsten Angebote. Weil das Thema Radfahren eben wahnsinnig vielseitig ist. Der eine beschäftigt sich mit Neuheiten was Fahrradtechnik angeht, die nächste Person spricht über Trainingsmethoden, andere über sportliche Ernährung oder auch über Verkehrspolitisches. Ich selbst mag vor allem die Berichte rund um die Erlebnisse, die Menschen haben, wenn sie „tatsächlich“ mit dem Fahrrad unterwegs sind. Mit Bildern von Natur und verschwitzten Gesichtern und so. Wieder andere beschäftigen sich mit der Mode und dem Lifestyle-Aspekt, den die Fahrradkultur birgt. Bei vielen kann man auch eine bunte Mischung davon finden.
Alle diese Inhalte haben ihre Berechtigung. Nicht alles muss mir gefallen und es ist ja auch nicht jedes Angebot für jeden gedacht. So weit so reflektiert.
Da gibt es aber eine Rennradinfluencerin, die vieles verkörpert, was ich kritisch sehe an der Internetfahrradkultur. In Ihren Videos geht es sehr oft um Outfits und um Produkte. Vorrangig aus der oberen Preisklasse. Fahrradkleidung, bei der der modische Aspekt wichtiger ist als die Funktionalität.
Anfangs hab ich das einfach zur Kenntnis genommen. Mit Stirnrunzeln habe ich mir gedacht: „Meine Güte, was solls? Ich finde es in erster Linie ja gut, wenn jemand die Liebe zum Radfahren entdeckt. Leben und leben lassen. Man muss auch gönnen können. Ich selbst brauche keinen halben Schrank voller Radkleidung der aktuellen Kollektion, aber jeder wie er oder sie will.“ So weit so tolerant.
Diese Selbstverständlichkeit von unkritischem Konsum hat mich allerdings schon immer genervt. Als wäre es wirklich so wichtig, wie man auf dem Bike angezogen ist. Aber das ist wohl so ein München-Ding, irgendwie. Die krassesten Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer, die ich in den letzten Jahren kennen gelernt habe, waren übrigens nie die mit dem teuersten Kit, aber das nur am Rande.
Aus dem anfänglichen Stirnrunzeln ist mittlerweile eine ungesunde Obsession geworden. Mit einer Grundeinstellung, als würde ich Trash-TV konsumieren, rezipiere ich jedes neue Video und werde dabei jedes Mal wütend.
Ich selbst habe mir in diesem Jahr auch ein neues, teures Kit zugelegt. Das gehört zur Wahrheit schon auch dazu. Nach langem Überlegen, dem Verkauf von verstaubten und zu eng gewordenen Trikots und in dem Wissen, dass der Kauf wirklich ein Luxus und alles andere als notwendig war. Bei ihr wirkt ein neues „Outfit“ nur wie ein Anlass für neuen Unboxing-Content.
Da haben wir ihn! Meinen mit Konsumkritik überspielten Neid. Ich kann es nicht leugnen. Ich bin nicht nur irritiert, sondern auch neidisch. Es ist plumper Neid und das ist keine sympathische Eigenschaft. Ich hatte Schwierigkeiten, mein neues Fahrrad vor mir selbst zu rechtfertigen. Auch dann, wenn mein altes nach 7 Jahren und 13.000 km irreparabel kaputtgegangen war. Bei ihr ist ein neues Rad (fünfmal so teuer wie meins) nach einem Jahr auf dem Rennrad fällig, ohne dass ich das als Zuschauer nachvollziehen könnte.
Es steht mir ja auch gar nicht zu, das nachvollziehen zu können. Darf jeder mit dem Geld machen, was er oder sie möchte, wenn es eben da ist. Stimmt. Gleichzeitig kann ich mich diesem Gefühl von Ungerechtigkeit nicht verwehren. Ja, es macht mich neidisch. Und ja, natürlich würde ich gerne auch etwas von der Aufmerksamkeit der fünfstelligen followerzahl für mich und meine Beiträge abhaben.
Als die Person einmal stolz präsentiert hat, dass ein Beitrag über sie in einem Printmagazin erschienen ist, in dem sie ihre liebsten Rennradprodukte vorstellen durfte, wusste ich auch nicht mehr, was ich davon zu halten habe.

Der Punkt ist folgender:
Es würde mir womöglich leichter fallen oder es wäre mir wahrscheinlich sogar komplett egal, wenn besagte Person auch viel auf ihrem Rad fahren würde. Das tut sie aber nicht. Nicht mal annähernd. Dank meiner stalkerhaften Obsession kenne ich nämlich auch ihre Strava-Statistik. Von keiner anderen Person auf der Welt juckt mich die Strava-Statistik. Nicht einmal die von mir selbst so richtig. Diese Gleichgültigkeit habe ich mir hart erarbeitet.
Wenn jemand im Internet die begeisterte Rennradlerin gibt, in Wirklichkeit jedoch nur sehr wenige Kilometer fährt, dann finde ich das zumindest bemerkenswert. Dabei ist total okay wenn jemand weder besonders weit oder besonders häufig Rad fährt. Es könnte mir egaler nicht sein. Was nicht okay ist, diesen Eindruck erwecken zu wollen obwohl man kilometerweit davon entfernt ist.
Ernsthaft: Wenn du mehr überdurchschnittlich teure Fahrradoutfits (8) besitzt als die Male, die du dieses Jahr auf dem Fahrrad gesessen (7) bist, dann läuft etwas falsch. Das sollte aus meiner Sicht nicht normal sein. „Buy less – ride more.“
Um diese Influencerin persönlich geht es mir gar nicht wirklich. Besagte Person selbst kann für meine Wut womöglich am wenigsten. Es ist ein Algorithmus, der keine Ansprüche an Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit stellt. Und es sind die zahllosen Zuschauer, zum großen Teil Männer, die einer attraktiven Frau in enger Kleidung Kommentare schreiben und dadurch die Videos nach oben spülen. Ich mache auch Videos. Nur bekommen die nur einen Bruchteil der Zuschauer zu Gesicht.
Wie zu Beginn bemerkt – Ich finde es selbst unsympathisch, wie sehr ich mich an den Videos dieser einen Person so festbeiße. Es ist unreif und auch nicht konstruktiv. Auch der Fakt, dass ein mittelalter Typ sich über eine Frau aus dem Internet auslässt, die ihm selbst nicht schadet, ist ein Unding.
Neid ist unsympathisch – gefakter Content aber auch. Dabei gibt es doch all die grandiosen Menschen, die die Internetfahrradkultur mit ihren Beiträgen bereichern. Auf die sollte ich mich konzentrieren. Das weiß ich alles. Aber es musste jetzt mal raus.
Meine Hoffnung ist: Dass ich mit diesem Text meine Obsession beilegen kann. Dass ich in meiner freien Zeit nicht zu meinem Handy greife, sondern mir endlich die Zeit nehme, meinen Reisebericht von meinem Bikepackingabenteuer von vor zwei Wochen zu schreiben. Das ist nämlich der Content, den ich mir selbst fürs Internet wünsche. Mit Bildern von Natur und verschwitzten Gesichtern und so.
Ich fühl dich, weil ich’s auch fühl.
Amen mein Gefühlsbruder
solche Accounts sind manchmal wie ein Autounfall. Da muss man auch schauen, wenn man vorbeifährt, egal ob man will oder nicht.
Absolut richtig. Es gibt leider zu viel davon